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« Ostern befreit? »

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Autor Thema: Ostern befreit?  (Gelesen 2022 mal)
Tarantoga
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« am: 04. April 2009, 21:28:45 »

Hallo

Fritz, du hattest in der Diskussion um "KdF oder Religion der Freiheit(en)" so nebenher gesagt, daß Ostern bzw. Auferstehung als freiheitsstiftend oder freiheitsbegründend verstanden werden soll oder kann.
Nun haben wir bald Ostern, und ich hab hin und wieder an dieses Gespräch gedacht, ohne wirklich weiterzukommen.
Wie meintest du das?
Oder wie versteht ihr anderen das?
Ostern als Befreiung,
Oder anders: die Menschen nach Ostern sind Menschen (in) der Freiheit?
was ist da Freiheit?
und wovon, oder wofür, oder weder noch?

Gruß
Tarantoga
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Harald Lamprecht
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« Antworten #1 am: 06. April 2009, 14:02:14 »

Die Grundfrage bei jeder Diskussion über „Freiheit“ ist, was wovon „befreit“ wird. Nicht jede Freiheit ist ja immer von Vorteil, etwa von man durch einen Räuber von seiner Geldbörse befreit wird…
OK, das ist nicht ganz passend, denn der Wortsinn enthält ja die positive Komponente, dass etwas Belastendes, Einschränkendes, Negatives weggenommen wird.

Wenn ich mal eine - zugegeben sehr theologische - Antwort versuchen soll:
Ostern bedeutet die Befreiung von der Macht des Todes.
Christus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht, heißt es in der Osterliturgie.
Wenn der Tod nicht mehr das Letzte ist, was wir erwarten können, kann das auch bereits im Leben sehr befreiend wirken.

HL
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Krause
Gast
« Antworten #2 am: 06. April 2009, 15:10:55 »

Die Grundfrage bei jeder Diskussion über „Freiheit“ ist, was wovon „befreit“ wird.

Nein, das muss nicht in jedem Fall die Grundfrage sein. Freiheit ist etwas, das auch existiert, ohne dass vorher von etwas befreit wurde. Einen Vogel am Himmel nennen wir frei, ohne dabei daran zu denken, dass es auch welche in Käfigen gibt. Und ohne zu berücksichtigen, dass er in Wahrheit auch nicht unbegrenzt frei ist, weil er sich täglich sein Futter suchen muss, von Wind und Wetter beeinflusst wird und nicht zuletzt auch seine Feinde hat, die ihn an Leib und Leben bedrohen.

Insofern muss nicht erst "etwas Belastendes, Einschränkendes, Negatives weggenommen" werden, um Freiheit zu definieren. Man kann Freiheit auch als den Grundzustand betrachten, der zwar zur negativen Definition von Unfreiheit herangezogen werden kann, aber für sich selbst nicht irgendwelche (welche denn auch, denn es gibt unendlich viele) Unfreiheiten braucht, um sich zu erklären.

Aber dies nur am Rande. Und jetzt zu Ostern:

Für mich ist Ostern natürlich die Befreiung vom Tod durch die Auferstehung. Aber sie ist auch die Befreiung von der Leistungsreligion, mit der sich die Menschen vor Gottes Gnadenakt in vergeblicher immer wieder neuer Bemühung auseinander setzen mussten, ohne jemals wirklich von ihrer Schuld befreit zu sein. Endlich ist Religion kein zwangsneurotisches Abarbeiten von in Wahrheit unerfüllbaren Regeln und Riten mehr, sondern eine Gnade, die Gott allen Menschen schenkt.

Grüße,

Krause
« Letzte Änderung: 06. April 2009, 15:13:35 von Krause » Gespeichert
Tarantoga
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« Antworten #3 am: 07. April 2009, 09:11:19 »

Hallo Harald und Hallo Krause,

Harald, dein Zitat aus der Osterliturgie ist zwar richtig, aber so plakativ, daß es alles sagt, und auch wieder nichts.
Was heißt denn: vom Tode befreit, wenn ich nun nicht grade um jemanden trauere?

Krause, dein Gedanke von der Befreiung von der Leistungsreligion ist ein guter Gedanke, dem werd ich noch nachgehen.

Karfreitag und Ostern sind ja die Ereignisse, ohne die es uns Christen garnicht gäbe. Ist dieses Fest / Ereignis wirklich nur so individual / persönlich zu verstehen, wie es offensichtlich meistens verstanden wird? (und auch ich habs bisher ja so verstanden) Fritz´ Gedanke, daß es ja nicht zufällig mit Passah zusammenfiel, hat mich ja erst zum Nachdenken darüber gebracht. Passah hat ja auch eine gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Dimension. Vielleicht hat das ja auch das Osterfest, ohne daß ich es sehe?
Ostern als freiheitsbegründend, kann das wirklich nur privat gemeint sein?

Gruß
Tarantoga
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Krause
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« Antworten #4 am: 07. April 2009, 09:37:19 »

Ja das Paschafest (von den vielen möglichen Schreibweisen habe ich mich jetzt für die aramäische entschieden, auch wenn „Pascha“ wieder andere Assoziationen wecken kann) als Fest der Befreiung von politischer Unterdrückung, da muss ich nicht lange überlegen, bis ich da Bezüge zu Sachsen und der großartigen Rolle der Kirche bei der friedlichen Selbstbefreiung der Menschen von der DDR herstellen kann. Es wundert mich schon die ganze Zeit, dass in diesem Jahr der vielen schönen Jubiläen noch keiner bei evlks an die Nikolaikirche in Leipzig, an den Heldenmut der im Schoß der Kirche wachsen konnte, erinnert hat. Und es gibt innerhalb und außerhalb Sachsens auch noch so viele andere Kirchen, Gemeinden und Pfarrhäuser, aus denen heraus die Freiheit in die DDR kam. Die Rolle der Kirche in der DDR ist eine so wichtige und eine, auf die sie so stolz sein kann, dass man sie endlich einmal daran erinnern könnte, ihr Licht nicht mehr unter den Scheffel zu stellen.
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Harald Lamprecht
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« Antworten #5 am: 07. April 2009, 13:58:41 »

Ich würde noch noch dabei bleiben wollen, dass Freiheit ein Relationsbegriff ist. Gerade das schöne Beispiel von dem Vogel zeigt es m.E. treffend:
Warum nennen wir den Vogel frei? Weil er fliegen kann - etwas, was den Menschen ohne aufwändige technische Hilfsmittel nicht möglich ist. Im Vergleich zu den Pflanzen sind Menschen und Tiere dann auch sehr freie Wesen, weil sie ihren Ort verändern können.
Für sich genommen und in seinen Lebensbezügen empfinden sich Vögel vielleicht überhaupt nicht frei, wie du selbst ja richtig feststellst, weil Notwendigkeit der Nahrungssuche und natürliche Feinde die mögliche Freiheit arg beschränken. Das Fliegen wird ihnen so selbstverständlich sein wie uns das Laufen.

Den Gedanken der Befreiung von der Leistungsreligion finde ich auch sehr passend. In der Karwoche sei in diesem Zusammenhang an die Aussage von Jesus am Kreuz zu dem Verbrecher, der mit ihm gekreuzigt wurde erinnert: „Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lukas 23,43)
Da ist keine religiöse Vorleistung, auch keine lebenspraktisch-ethische zu sehen, die zur Bedingung für die Heilszusage gemacht wird. Allein das Vertrauen auf Jesus rettet. Deutlicher kann man es kaum ausdrücken.

HL
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Tarantoga
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« Antworten #6 am: 07. April 2009, 22:44:38 »

Hallo Ihr,

Den Gedanken der Befreiung von der Leistungsreligion finde ich auch sehr passend. In der Karwoche sei in diesem Zusammenhang an die Aussage von Jesus am Kreuz zu dem Verbrecher, der mit ihm gekreuzigt wurde erinnert: „Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lukas 23,43)
Da ist keine religiöse Vorleistung, auch keine lebenspraktisch-ethische zu sehen, die zur Bedingung für die Heilszusage gemacht wird. Allein das Vertrauen auf Jesus rettet. Deutlicher kann man es kaum ausdrücken.

najaaa, das klingt, als würde Vertrauen auf Jesus ja wieder zu einer Leistung werden. Der Verbrecher hat Jesus nicht vertraut, steht jedenfalls so nicht da. Er hat Jesus nur vor den Lästerungen des anderen Verbrechers in Schutz genommen und seinen eigenen Tod als gerechte Strafe bezeichnet, da ist nix mit glauben an oder vertrauen auf Jesus.
Garnicht so einfach mit dem leistungsfreien Glauben ....

Krause, von Ostern zur Wende ist schon wagemutig. Die Wende und die Rolle von Kirche in der Wende würde ich mit ner Menge Glaubensdingen in Verbindung bringen, aber nicht mit Ostern. Eher mit den Propheten und dem Leben Jesu VOR seinem Tod.
Aber ich komme mit Ostern und Befreiung auch nicht wirklich weiter.

Gruß
Tarantoga

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Harald Lamprecht
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« Antworten #7 am: 08. April 2009, 15:12:30 »

najaaa, das klingt, als würde Vertrauen auf Jesus ja wieder zu einer Leistung werden. Der Verbrecher hat Jesus nicht vertraut, steht jedenfalls so nicht da. Er hat Jesus nur vor den Lästerungen des anderen Verbrechers in Schutz genommen und seinen eigenen Tod als gerechte Strafe bezeichnet, da ist nix mit glauben an oder vertrauen auf Jesus.
Garnicht so einfach mit dem leistungsfreien Glauben ....

Stimmt, einfach ist das nicht, und sogar mein kurzes Sätzchen lässt sich auch dahingehend fehldeuten, dass man Vertrauen einfordern könnte. Aber genau das ist ja nicht möglich. Ich kann zwar 10x sagen „du musst mir vertrauen“ - wenn das Vertrauen nicht da ist, wird es dadurch nicht kommen.
Vertrauen ist etwas, was nur langsam wächst und was von innen kommt. Es lässt sich nicht erzwingen.

So ist es auch mit dem Glauben. Darum kann er nach meinem Verständnis eigentlich niemals als Leistung betrachtet und eingefordert werden. Das schreibe ich wohl wissend, dass es genügend Gruppen gibt, die genau das tun. Aber sie liegen daneben.

Zurück zum Lukasevangelium: Ich meine doch herauslesen zu können, dass der Verbrecher Jesus insofern vertraut hat, dass er ihn bittet: „Gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ (Lk 23, 42)

HL
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Krause
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« Antworten #8 am: 08. April 2009, 16:49:17 »

Krause, von Ostern zur Wende ist schon wagemutig. Die Wende und die Rolle von Kirche in der Wende würde ich mit ner Menge Glaubensdingen in Verbindung bringen, aber nicht mit Ostern. Eher mit den Propheten und dem Leben Jesu VOR seinem Tod.
Aber ich komme mit Ostern und Befreiung auch nicht wirklich weiter.

Na, ich habe mich darauf bezogen:

... daß es ja nicht zufällig mit Passah zusammenfiel, hat mich ja erst zum Nachdenken darüber gebracht. Passah hat ja auch eine gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Dimension.

Inwieweit das berechtigt ist, weiß ich nicht, aber wenn wir uns in "eine gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Dimension" (Tarantoga) begeben, ist der Zusammenhang zwischen der Flucht aus antiker Sklaverei und der Selbstbefreiung aus moderner gesellschaftlicher Unterdrückung kaum zu übersehen.
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